Die Vorstellung davon, wie Kinder in unserer Gesellschaft gut betreut werden können, gerät zunehmend in Konflikt mit der neuen Arbeitswelt - unregelmäßige Arbeitszeiten und Wochenendarbeit, Telearbeit, Nachtarbeit, Schichtarbeit, Fernpendeln - viele Arten der Mobilität prägen zunehmend den Familienalltag. Darf Kinderbetreuung solchen Anforderungen des Arbeitsmarktes folgen oder müssen hier im Interesse des Kindes Grenzen gesetzt werden? Darf man ein Kind morgens um fünf aus dem Bett holen oder bis 23 Uhr abends in der Krippe lassen?
Ich beginne die Diskussion mit einem Beispiel aus einer so genannten ?Back-Up Einrichtung" des Familienservice in Frankfurt. Dieses Angebot wird von mehreren Unternehmen finanziert und richtet sich an Familien, deren Kinder kurzfristig vorübergehend Betreuung benötigen.
Felix, 10 Monate. Der Vater ist Führungskraft in einer Bank, die Mutter ist plötzlich schwer erkrankt. Das Kind bleibt zunächst vier Tage bei der kranken Mutter, dann ist sie der Situation nicht mehr gewachsen. Der Vater nimmt das Kind zwei Tage mit an den Arbeitsplatz - wo ihm aber signalisiert wird, dass dies so nicht erwünscht sei. Er bringt das Kind nun recht zögernd zu ?Kids & Co". Dort wird mit einem Betreuungsschlüssel von fünf Personen auf 15 Kinder gearbeitet; es kann also bei neu ankommenden Kindern jeweils eine Person ganz dafür da sein, dieses Kind zu trösten, ganz gezielt abzulenken, herumzutragen und beim Einschlafen zu begleiten. Felix krabbelt bereits nach kurzer Zeit begeistert auf die anderen Kinder zu. Der Vater ist völlig verblüfft darüber und als die wieder gesunde Mutter nach vier Tagen ihr Kind bereits um 15 Uhr nachmittags abholt, möchte Felix zuerst noch gar nicht nach Hause.
Oft wird nun gefragt: Wäre es in einer solchen Situation nicht besser, ein Elternteil - oder beide - könnten daheim bleiben? In unserem Beispiel wäre die Situation dann wohl keineswegs besser gewesen. Hätte der Vater die Betreuung zu Hause übernommen, so hätte der Stress, gleichzeitig ein Kleinkind zu betreuen und eine kranke Frau zu versorgen, ihn wahrscheinlich belastet und Felix wäre mit viel Sorge und wenig Geduld konfrontiert worden.
Das Beispiel ist durchaus typisch für eine unregelmäßige Spontanbetreuung. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten auch sehr kleinen Kinder relativ unkompliziert in eine solche neue Situation hineingehen - die neuere Bindungsforschung weist darauf hin, dass ein Wechsel von Betreuungspersonen keineswegs die Primärbindung an die Eltern gefährdet (vgl. Klaus Wilhelm (2005): Fremde Betreuung - gute Betreuung. Psychologie heute, S. 28-30). Unstrittig ist natürlich, dass eine plötzliche Trennung von den Eltern, vor allem bei Kindern in sensiblen Phasen, stressvoll sein kann. Stress und Belastung lassen sich aber ebenso wie gelegentlicher Schmerz auch im Leben von Kindern nicht grundsätzlich vermeiden - sie gehören zum Leben und Wachsen. Die Situation kann aber dadurch erleichtert werden, dass eine Person da ist, die kritische Momente durch Körperkontakt und Ablenkung auffängt. Außerdem wird in der Praxis täglich deutlich, dass die Einstellung der Eltern entscheidend ist: je ängstlicher sie diesem ?Abgeben" gegenüber stehen, umso schwieriger ist der Start für das Kind. Schnuppertage in solchen Einrichtungen sind vor allem für die Eltern wichtig - zu ihrer Sicherheit.
Kurzfristige, unregelmäßige, auch plötzliche Betreuung für Kinder ist also grundsätzlich ohne größere Probleme in jeder Form, zu jeder Zeit und für jedes Alter möglich - vorausgesetzt, der Personalschlüssel ist ausreichend und die Erzieher wissen, wie sie in solchen Situationen reagieren müssen und lehnen diese Betreuungsform nicht innerlich ab. Erzieherinnen müssen selbstverständlich für solche Angebote fortgebildet werden. Hier sind ganz spezielle Kompetenzen gefragt, wie sie bisher nicht zuletzt von Reiseveranstaltern und Ferienclubs entwickelt wurden. In der Freizeit ist es problemlos möglich, dass Kinder sich spontan mit Fremden zusammentun und gut vertragen! Bewegung, Musik, Kreativität und vor allem Körperlichkeit spielen hier eine wichtige Rolle. Auch kleine Kinder erleben solche Situationen eher als Abenteuer denn als Unglück!
Notfallbetreuung dieser Art dient eindeutig den Arbeitgeberinteressen und diese bezahlen dafür auch ziemlich teuer. Dieses Betreuungsangebot ist kostenintensiv - es ist in Westdeutschland mit etwa 100,00 € Vollkosten pro Betreuungstag anzusetzen. Für den Arbeitgeber bleibt es aber lohnend, wie mehrere Studien inzwischen gezeigt haben. Doch Entlastungsangebote für Familien in außergewöhnlichen Lagen können dennoch eine äußert positive Rolle spielen - für das ganze Familiensystem. Vor allem ermöglichen sie es, auch wenn es keine Großeltern in der Nähe gibt, dass die Familie in ein Geflecht eingebettet ist und sich nicht als isolierte überforderte Kleingruppe erleben muss.
Betreuung zu ungewöhnlichen Zeiten?
Doch häufig stellt sich das Problem anders. Die Arbeitszeiten von manchen Eltern sind generell lang, Kinder müssen Früh- oder Spätdienste nutzen - sofern sie überhaupt angeboten werden.
Ein zweites Beispiel: Janna, 26 Monate. Der Vater arbeitet bei der Bundesbahn, die Mutter in einem Kaufhaus. Janna kommt seit fast einem Jahr an zwei Tagen pro Woche in unsere Einrichtung. Sie steht morgens mit der Mutter erst gegen 8 Uhr auf, kommt dann gegen 10.30 Uhr an drei Tagen in der Woche zu uns. Die Mutter arbeitet nachmittags und holt Janna gegen 20 Uhr wieder ab. Janna ist völlig unauffällig und zufrieden, entwickelt sich gut. Als Kind, das häufiger in die Notfallgruppe kommt, hat sie bei uns einen gewissen Heimvorteil, fühlt sich stark und geborgen. Sie ist in einer Gruppe, in der sie die Erzieherinnen gut kennt, die Kinder aber häufig wechseln.
Andere Betreuungsangebote, die sich nach den Arbeitszeiten der Mutter richten, gibt es nicht in Frankfurt - allerdings muss langfristig eine andere Lösung, z.B. bei einer Tagesmutter gefunden werden, da dieses Angebot auf die Dauer für die Arbeitgeber zu teuer wird.
Für eine Verallgemeinerung bestehen hier reale Probleme: Wo feste, regelmäßige Gruppen bestehen, ist es für Betreuer und Kinder schwierig, einzelne Kinder unregelmäßig und zu ungewöhnlichen Zeiten zu integrieren. Schwierig ist dabei weniger die Zeit oder Dauer als solches; viel öfter entsteht jedoch zum Beispiel bei Spätgruppen ein anderes Problem - die Erzieherinnen beginnen aufzuräumen, lange bevor die letzten Kinder gehen, es gibt keine gezielte Zuwendung mehr für die Kinder. Unterschwellig steht die Frage im Raum: Wann kommt denn deine Mutter endlich, damit wir gehen können? Die Antwort kann nur lauten: Entweder keine Früh- und Spätgruppen anbieten oder aber mit Herz, Verstand und ganzem Einsatz. Das letzte Kind sollte sich glücklich fühlen können, das Letzte zu sein: Jetzt habe ich meine Erzieherin ganz für mich! Zum Vorlesen, Singen, Kuscheln.
Wenn Kinder nur gelegentlich kommen, bildet sich allerdings leicht ein Außenseitersyndrom. Es ist letztlich leichter, zwei Arten von Gruppen zu führen: Solche, die ziemlich fest sind und solche, in denen viel Wechsel herrscht. Doch mit Engagement und Phantasie sind auch Mischungen möglich. Utopisch? Das Problem ist nicht das Kindeswohl als solches, sondern scheinbar mangelnde Ressourcen und fast immer ein fehlendes Konzept. Es könnten z.B. mehr ehrenamtliche Eltern oder Rentner zur Entlastung und Ergänzung mit in die tägliche Arbeit eingebunden werden. So bleiben Kräfte frei für die Arbeit mit den Kindern zu außergewöhnlichen Zeiten. Und es kann versucht werden, die Elterngruppe füreinander zu aktivieren! Es können auch Gelder von Sponsoren und Arbeitgebern angeworben werden, um die flexiblen Zusatzangebote mit zu unterstützen.
Die atmende Kita in der vernetzten Nachbarschaft
Die Anpassung von Betreuungszeiten an den Arbeitsrhythmus der Eltern bedeutet also nicht notwendig einen Schaden für die Kinder. Mit Entschlossenheit und Kreativität lässt sich vieles neu gestalten. Nachtbetreuung könnte gelegentlich bei Tagesmüttern stattfinden, die mit einer Einrichtung eng kooperieren - falls eine Mutter auf Dienstreise gehen muss. Eltern in Einrichtungen können ermuntert werden, sich Kinder abends gegenseitig abzunehmen - die Einrichtung kann dies unterstützen. In der Nachbarschaft können Patengroßmütter gefunden werden, die gelegentlich mit einspringen - als Babysitter daheim, als Vorleserinnen in der Einrichtung.
Dies setzt jedoch ein neues und anderes Denken voraus: die Kita als Nachbarschafts-zentrum, die Erzieherin nicht nur als Kinderpädagogin sondern als Netzwerkerin, die ihre Kompetenz mit der Kompetenz der Eltern verknüpft und gemeinsam mit ihnen eine neue Art von Elternarbeit schafft. Die Kita der Zukunft ist der Partner für Kinder und Eltern in einer ganz neuen Lebenswirklichkeit. Für arbeitslose Eltern und Familienmütter sollte sie ein Anlaufpunkt werden, ein offener Begegnungsort, wo Kinder und Eltern gefördert und gestärkt werden und gemeinsam Zeit verbringen (vgl. Early Excellence Center). Für erwerbstätige Eltern sollte die Kita ein Ort werden, wo gemeinsam entwickelt wird, wie sich neuartige und unerwartete Betreuungsprobleme gemeinsam lösen lassen.
Die neue Arbeitswelt ist in der Tat oft unberechenbar und wenig planbar - und Kinder brauchen wirklich Verlässlichkeit und Geborgenheit. Geborgenheit kann auch dadurch entstehen, dass Eltern Netze bilden, die helfen, unerwartete Anforderungen der Arbeitswelt aufzufangen. Der evangelische Landesverband Kindertagesstätten in Bremen hatte einst in der Verbindung von Tagespflege und Kita ein vorbildliches Modell geschaffen, das dann bürokratischen Fehlentscheidungen geopfert wurde. Die Kinderläden der Studenten-bewegung waren ebenfalls ein gutes Auffangnetz für verschiedenste Arbeitszeitmodelle und Lebenssituationen von Eltern.
Ist die atmende Kita in der vernetzten Nachbarschaft ein Modell für alle Probleme? Wahrscheinlich nicht! Kann man Kinder jede Nacht um 3 Uhr nach Hause bringen? Wahrscheinlich auch nicht. Doch das ist gar nicht die Frage.
Die Kernfrage lautet ganz anders: Verstehen Kitas endlich, dass Erwerbstätigkeit von Müttern, auch in unregelmäßigen Formen, eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg von Familien und auch von Kindern ist? Dass Eltern mit ihrem Einkommen Armut verhindern und Chancen schaffen, dass Mütter mit ihrer Arbeit Vorbilder für die künftige Generation sind, dass ein anstrengendes, forderndes Leben, mit der üblichen Hektik keinen Nachteil bedeutet, sondern eine Herausforderung, an der Menschen wachsen können - Kinder wie Erwachsene? Wer Kinder auf diese neue Welt wirklich gut vorbereiten will, muss ja sagen zur Erwerbsarbeit ihrer Eltern. Wer z.B. allein erziehende Mütter ermutigt, lange Jahre mit ihren Kindern daheim zu bleiben, behindert die Entwicklungschancen der Kinder und der Mütter.
Die zukünftige Arbeitsbiographie ist oft ein Flickenteppich verschiedener Arbeitsmuster. Die Betreuungslandschaft bildet ebenfalls einen Flickenteppich. Heute spielen oft Großmütter, Nachbarinnen und Geschwister eine Rolle, die sie bisweilen überfordert. Das Familiensystem ist löchrig - die Kita kann, gemeinsam mit Tagesmüttern, eine transparente und kompetente Ergänzung bilden und das System Familie stärken.
Von der Öffentlichkeit unbemerkt, haben viele Kitas bereits den Weg in diese Richtung angetreten: sie bieten Krabbelgruppen an, Mittagstische, nehmen Gastkinder auf, binden Eltern ein. Nicht zuletzt die sinkenden Geburtsraten schaffen einen Wettbewerb, der neues Denken und Handeln beflügelt, trotz leerer Kassen.
Bleibt ein wichtiger Rest: Natürlich braucht es einen fortgesetzten Dialog mit Arbeitgebern über Arbeitszeiten, über Flexibilität und Rücksicht auf Familien. Natürlich braucht es eine familienverträgliche Arbeitswelt und Menschen, die sich dafür einsetzen. Hier ist vieles im Gang, hier ist noch viel zu tun. Doch die familienverträgliche Arbeitswelt der Zukunft wird nicht heißen, dass keine Mutter gelegentlich abends arbeiten muss oder auf Dienstreise geht. Es geht um neue Mischungen, nicht um falsche Alternativen- in der Kita wie in der Arbeitswelt. |