Die Glücksmomente in der Familie haben weniger etwas mit einer romantisierten Auffassung von Familienidylle zu tun, sondern damit, dass man nichts im Leben so sehr nach seinen Vorstellungen gestalten kann wie die Erziehung der eigenen Kinder. Das verschafft Befriedigung. Niemand ist einem, im guten wie im schlechten Sinne, so ausgeliefert wie Kleinkinder. In der Erziehung werden Maßstäbe gesetzt und Wertvorstellungen geprägt, die häufig ein Leben lang gültig bleiben. Im Beruf hat man, abhängig von der fachlichen Qualifikation, lediglich begrenzt die Möglichkeit, nach eigenen Maßstäben zu handeln - und selbst diese Möglichkeit besteht nur für die wenigsten. Die aktuelle Shell-Studie belegt: 75 Prozent der weiblichen und 65 Prozent der männlichen jungen Deutschen sind der Meinung, dass man eine Familie "zum Glücklichsein" braucht. Wer Kinder hat, sucht nicht mehr nach einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Wer keine hat, tut sich oft schwer mit dieser Antwort.
Da viele heute erst mit Mitte dreißig eine Familie gründen - manche auch nie -, steigt die Bedeutung von Freunden. Freundschaften werden zu "Ersatznetzen". Doch sie haben einen entscheidenden Nachteil: Freundschaften muss man ein Leben lang pflegen und selbst dann erweisen sie sich als halb so stabil wie eine Familie: Freundschaften sind weniger belastbar. Natürlich brechen auch Familien auseinander, aber seltener als Freundschaften. Besonders in Notlagen kann bisher nichts die Familie ersetzen: Große Geldsummen zum Beispiel werden eher zwischen Familienmitgliedern verschenkt und vererbt als zwischen Freunden. Familie bedeutet Absicherung bei Risiken - finanziell, emotional und sozial. Kaum jemand pflegt einen altersschwachen Freund, wenn er selbst noch rüstig ist. Also hat Familie letztlich mit Bedingungslosigkeit zu tun - die anderswo selten zu finden ist. Wer Familie haben will, muss heute sehr mutig sein. Aber wer auf Kinder verzichtet, braucht mindestens ebenso viel Mut. Und muss sich, um erfüllt zu sein, Inhalte schaffen, die über das eigene enge Ich hinausgehen, sich sozial oder politisch engagieren beispielsweise.
DIE KLEINFAMILIE IST MODERN
In den sechziger Jahren ging die Sozialwissenschaft davon aus, dass die Kleinfamilie wohl nicht überleben werde. Diese Annahme war falsch. Die Familie ist stark und zäh, flexibel und elastisch. Familien sind enorm erfolgreiche Einheiten, ein ideales Vorbild für jeden funktionierenden Betrieb.
Richtig ist auch, dass an der Kleinfamilie nicht mehr zwangs- läufig festgehalten wird, viele Eltern heiraten wieder, andere Kinder kommen dazu. Was aber auffällt: Bittet man Kinder, die in einer so genannten Patchworkfamilie leben, ihre Familie zu malen, dann zeichnen sie fast immer ihre echte Mutter, ihren echten Vater und die zu hundert Prozent leiblichen Geschwister. Die anderen Mitglieder der Patchworkfamilie haben eher die Funktion von Cousinen oder Onkeln. In allen westlich geprägten Industrieländern halten Kinder an der biologischen Familie fest.
Über die Jahre ist die Familie weiblicher geworden, weil die Väter weibliche Verhaltensmuster angenommen haben. Keiner mehr, der nicht Kinderreime aufsagen, wickeln, kochen oder knuddeln kann. Müttern dagegen fällt es immer noch schwer, den Vaterpart zu übernehmen, sie können beispielsweise schlecht delegieren. Zwar freuen sie sich, dass Väter heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, aber die Vorstellungen, wie diese Zeit gestaltet werden soll, driften bei den Eltern auseinander: Mütter wünschen sich, dass der Vater mit den Kindern zu Hause backt und bastelt, schließlich kann er das ja. Doch die Väter ziehen es vor, draußen zu toben, sich mit den Kindern dreckig zu machen, Sport zu treiben - das Kind ist ihr Freizeitpartner. Die Industrie hat darauf reagiert: Kinderwagen wurden sportlicher, also männlicher, und weil kein Vater sein Kind in einem Tuch rumtragen will, gibt es spezielle Babyrucksäcke für Männer. Frauen jedoch sind von den aufgeweichten alten und noch unklaren neuen Rollenmustern irritiert.
Familie ist heute nicht mehr automatisch selbstverständlich, sondern ihr Sinn wird hinterfragt, sie zählt zur Selbstentfaltung wie der Beruf. Heute heißt es: Familie ja, aber nicht um jeden Preis. Für viele Frauen ist der Preis, den Job für eine Familie aufzugeben, zu hoch - obwohl der Wunsch nach der eigenen Familie fast immer besteht. Kinderlose sind inzwischen glücklicherweise akzeptiert, dennoch bleibt bei den meisten eine Wunde. Ich kenne kaum jemanden, der aus Überzeugung sagt: "Ich bin gottfroh, dass ich keine Kinder habe, und ich wollte auch nie welche."
DAS BILD VON DER FAMILIE IST IMMER NOCH UNMODERN
Vor der Geburt des ersten Kindes planen junge Paare, alles gemeinsam zu machen: Familie, Kind, Hausarbeit. Die Geschlechterrollen gleichen sich zunehmend an. Sobald aber das erste Kind geboren wird, schnellen die Depressionswerte in die Höhe - bei Männern wie bei Frauen, weil das Modell "Wir machen alles zusammen" nicht mehr funktioniert. Unabhängig von Schicht, Bildung und Alter ist die Frau plötzlich allein zuständig für Haushalt und Kinder, die Väter übernehmen allenfalls helfende Funktionen. Auf einmal stürzt sich der Mann 110-prozentig in den Job, schließlich leben jetzt drei Personen von seinem Gehalt. Und die Ansprüche steigen: Fürs Kind muss alles materiell perfekt sein, ein Kind braucht möglichst ein Haus, einen Garten und ein komplett ausgestattetes Kinderzimmer.
Zu diesem Zeitpunkt wird die Frau programmiert auf ihr gesellschaftlich akzeptiertes Rollenmodell als Mutter und Hausfrau. Der Mann vergisst seine Kompetenz in Haushalt und Partnerschaft, die Frau baut sie im Gegenzug aus. Oft genügen schon drei Monate Babypause, damit die Weichen gestellt sind und es kein Entrinnen aus diesem traditionellen Rollenmodell mehr gibt. Mit der Geburt des zweiten Kindes ist dieses meist verfestigt: Teilen kurz nach der Heirat 36 Prozent der Paare die Hausarbeit partnerschaftlich, sind es nach sechs Ehejahren nur noch 8,3 Prozent. Noch immer spukt, aller Modernität zum Trotz, eine Vorstellung durch die Köpfe auffallend vieler Frauen: Wenn ich mich selbst zurücknehme, ganz bei den Kindern bleibe, dann sind alle glücklich und mein Mann wird hoffentlich Generaldirektor.
Sehr große Schwierigkeiten, einen Vater, der Elternzeit nimmt, zu akzeptieren, haben übrigens oft die Eltern des Mannes. Sie halten die erwerbstätige Schwiegertochter tendenziell für eine Rabenmutter - und für eine schlechte Partnerin: "Wir haben unseren Sohn doch nicht studieren lassen, damit er, statt Karriere zu machen, jetzt Windeln wechseln und putzen muss!" Genau umgekehrt denken dagegen oft die Eltern der Frau. Die machen sich Sorgen, wenn sie Vollzeitmutter ist: "Jetzt hat unsere Tochter schon studiert und im Fall einer Scheidung ist sie trotzdem vollkommen auf die Unterhaltszahlung des Ehemannes angewiesen."
Ich werte Vollzeitmütter nicht ab, aber der Lebensentwurf Hausfrau als Langzeitmodell passt nicht mehr in diese Zeit. Ab einem gewissen Alter der Kinder sind Mütter nur noch Dompteusen, die versuchen zu verhindern, dass ihre Kinder zu viel fernsehen. Das Rennen gegen die Medien können Mütter allein nicht gewinnen. Kinder brauchen andere Kinder, brauchen Sport. Das alles gibt es in Spielgruppen, Kinderkrippen, im Hort. Die PISA-Studie hat uns ja auch eines gelehrt: Alle Länder, die primär auf Erziehung durch Hausfrauensetzen, haben hier schlechte Ergebnisse erzielt, mit Ausnahme von Japan. Fazit: Vollzeitmütter machen aus ihren Kindern nicht unbedingt gute Schüler. Bei Frauen mit geringer Bildung liegt hier sogar ein Entwicklungsrisiko für die Kinder.
Welche Voraussetzungen also müssen erfüllt sein, damit Frauen nicht sofort nach der Geburt des Kindes in das klassische Rollenmodell fallen? Sie sollten ein konkretes Projekt, eine klare Vorstellung haben, beispielsweise: Ich bleibe exakt drei, sechs oder zwölf Monate zu Hause. Ich plane meine Rückkehr in den Beruf und lasse nicht einfach alles auf mich zukommen. Werden die eigenen Ziele und Wünsche klar geäußert, fällt es auch dem Partner in der Regel leichter, in der neuen Situation als Vater weiterhin im Haushalt mitzuarbeiten. >
DIE FAMILIE IST GEFÄHRDET
In kaum einem anderen Land leben prozentual so viele Frauen, die keine Kinder haben, wie in Deutschland. Der Anteil kinderloser Akademikerinnen liegt bei uns bereits bei fast vierzig Prozent. Das ist ein lautes, deutliches Alarmsignal. Schuld ist das "Vereinbarkeitsdilemma".
Bei uns wird es belohnt, wenn eine Mutter zu Hause bei den kleinen Kindern bleibt: moralisch und ökonomisch. Moralisch, weil in Deutschland die Diskriminierung berufstätiger Mütter als Rabenmütter tatsächlich noch stark verbreitet ist. Und ökonomisch durch das Ehegattensplitting. Es sollte ursprünglich das "Ernährermodell" unterstützen (Vater berufstätig, Mutter Hausfrau). Es ist nicht darauf ausgerichtet, dass beide Elternteile voll oder ohne wesentliche Unterbrechung berufstätig sind. Wegen der hohen Steuerabgaben lohnt sich eine Berufstätigkeit für die Frau kaum, also kann sie ebenso gut zu Hause bleiben.
Ein Blick nach Japan zeigt, wohin wir uns bewegen könnten, wenn wir weiterhin Mütter vom Erwerbsleben ausgrenzen. Dort wird der Amoktrip einer sich selbst zerstörenden Gesellschaft deutlich: Vor der Hochzeit haben gut ausgebildete japanische Frauen Geld, eine eigene Wohnung, Spaß, Unabhängigkeit. Nach der Hochzeit leben sie auf 48 Quadratmetern mit zwei Kindern, verfügen nicht über ein eigenes Einkommen. Diese Frauen sind meist hoch qualifiziert; wenn sie aber Mutter werden, müssen sie zu Hause bleiben und sich opfern, um ihre Kinder für die Aufnahmeprüfungen an den Eliteschulen zu drillen. Das ist für junge unverheiratete Frauen keine reizvolle Perspektive. Japanische Frauen entscheiden sich zunehmend gegen die Familie und gehen ihrem Beruf nach - die Geburtenrate sinkt.
Noch ist es bei uns nicht ganz so weit. Fest steht aber: Die Geburtenrate steigt nur in denjenigen Industrieländern, in denen sich Familie und Beruf vereinbaren lassen. So stellt in Frankreich der Staat eine flächendeckende und kostengünstige Infrastruktur zur Kinderbetreuung bereit, auch für Kinder unter drei Jahren. Berufstätige Mütter sind gesellschaftlich akzeptiert - und die Geburtenrate liegt dort bei 1,9 pro Frau, in Deutschland dagegen bei 1,4.
Werden in einer Gesellschaft Mütter vom Erwerbsleben ausgegrenzt, leidet die Wirtschaft langfristig. Durch die sinkenden Geburtenraten schrumpft die Bevölkerung, somit auch der Kunden- und Absatzmarkt, und der Wirtschaft fehlen in naher Zukunft - und in einigen Bereichen schon jetzt - Nachwuchskräfte. Wir brauchen Kinder - aber wir brauchen auch Mütter, die arbeiten. Der Kern der Familienproblematik besteht also nach wie vor in der Unvereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf. Die Konse- quenzen des politischen Versagens in diesem Bereich werden sich schon bald gesellschaftlich und wirtschaftlich bemerkbar machen.
WAS SICH ÄNDERN MUSS
Vor 13 Jahren habe ich an dieser Stelle die Verlängerung des Erziehungsurlaubs von 18 auf 36 Monate begrüßt. Ich gehörte auch zu denen, die sagten: "Mütter, gönnt euch doch diese Zeit!" Das halte ich inzwischen für falsch. Diese drei Jahre Erziehungsurlaub erweisen sich heute für Frauen als zu lang, da mit jedem Monat der Wiedereinstieg in den Beruf schwieriger wird, eine mehrjährige Pause in vielen Unternehmen das Ende der Karriere bedeutet. Zeitgemäßer und richtiger wäre es heute, die Elternzeit auf sechs Monate oder ein Jahr zu begrenzen, wobei sie zwischen Mann und Frau aufgeteilt werden sollte. Nimmt er seine Zeit nicht, verfällt sie ganz: Use it or lose it. In Schweden wurde der "Daddy month" jetzt von einem auf zwei von insgesamt zwölf Monaten Elternzeit ausgedehnt - und die Väter nutzen ihn. Ich bin sicher: Würden die Strukturen geändert - die Väter wären auch bei uns dabei, ebenso die Arbeitgeber, besonders diejenigen mit eigenen Kindern.
Anschließend jedoch müssten die Kinder in eine Krippe oder zu einer Tagesmutter gehen. Diese Vorstellung ängstigt Eltern. Und zwar nicht nur deutsche, sondern alle, die in postfaschistischen Staaten leben wie Österreich, Spanien, Japan oder Italien: Wir hegen ein tiefes Misstrauen gegenüber dem staatlichen Einfluss, der in faschistischen Staaten auf die Kindererziehung genommen wurde. Das sozialistische Modell der staatlichen Kinderbetreuung schreckt uns genauso ab. Daher werden ganztägige Betreuungsangebote speziell für Kleinkinder vor allem in Westdeutschland beargwöhnt oder abgelehnt. Seit dreißig Jahren beschäftige ich mich mit Studien zur Familienforschung - aus aller Welt. Und nicht eine Studie hat je gezeigt, dass Fremdbetreuung negative Auswirkungen hat, selbst für Babys nicht.
Ich bin dabei, Netzwerke zu schaffen für Frauen, die nicht oder nur kurz stillen und sehr bald nach der Geburt wieder arbeiten wollen. Es wäre schon ein wichtiger Schritt, wenn wenigstens einige Kinderärzte und Hebammen Frauen die Angst nähmen, sie seien schlechte Mütter, wenn sie bald nach der Geburt wieder arbeiten oder nicht stillen. Mir geht es nicht darum, Frauen vom Stillen abzuhalten, sondern Frauen bei ihren Entscheidungen zu unterstützen, ganz gleich, ob sie stillen oder arbeiten wollen. Ich bin überzeugt: Kein Kind wird ein glücklicherer Mensch, wenn die Mutter es nur wegen des gesellschaftlichen Drucks stillt. Eine berufliche Unterstützung für Erwerbstätige fehlt heute fast ganz bei den Profis, die Schwangere und junge Mütter beraten.
Ein weiteres Argument gegen die Ganztagsbetreuung von Kindern lautet: Wenn beide Eltern arbeiten, haben sie keine Zeit mehr für ihr Kind. Diese Angst ist unbegründet: In den USA sind sehr viel mehr Mütter als bei uns erwerbstätig, die Arbeits- zeiten sind in den letzten zwanzig Jahren deutlich gestiegen, der Urlaub ist viel kürzer. Und dennoch verbringen die Eltern ins- gesamt mehr Zeit mit ihren Kindern als vor zwanzig Jahren, weil vor allem die Väter stärker eingebunden sind, weil Kinder berufstätiger Eltern später ins Bett gehen, weildie gemeinsame Zeit intensiver genutzt wird. Natürlich geht das zu Lasten der Freizeit von Eltern.
Zur Familiengründung gehört vor allem eines: Mut. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, den perfekten Zeitpunkt für die Familiengründung finden zu können. Den gibt es nicht. Ein Leben mit einem Kind birgt immer viele Unsicherheiten. Aber wir müssen lernen, dass Unsicherheit immer auch Freiheit bietet.
Offenheit für neue Familienmodelle kann dabei helfen. Da wir bald alle hundert Jahre alt werden, sollten unsere Bedenken gegen relativ späte Mutterschaft nicht so groß sein. Die Reproduktionsmedizin kann die biologische Uhr ein wenig aufhalten, damit Frauen auch später noch Kinder bekommen können.
Der Abschied vom alten Rollenmodell zählt jedoch zu den Jahrtausendprojekten und wir befinden uns noch ganz am Anfang der Aufgabe, ein neues Gleichgewicht in der Familie herzustellen: In drei Millionen Jahren Menschheitsgeschichte haben Männer und Frauen nie wirklich kooperiert, sondern vollkommen getrennte Aufgaben wahrgenommen. So gesehen, klappt die Zusammenarbeit von Männern und Frauen nach nur hundert Jahren Änderung schon erstaunlich gut.
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