Portrait:
geboren 9. Mai 1946 in Biberach/Riß, verheiratet, 5 Kinder.
Der familiäre und ausbildungsmäßige Hintergrund von Gisela Erler deutet zunächst nicht auf unternehmerisches Engagement hin: der Vater (Fritz Erler) ein bekannter sozialdemokratischer Politiker, die Mutter politisch engagierte Hausfrau, von Beruf Verwaltungsbeamtin. Die Kindheit Gisela Erlers ist durch intensive politische Erfahrungen und Begegnungen geprägt - im Elternhaus gehen viele Personen aus und ein, die mit ihren Eltern das politische Engagement gegen den Nationalsozialismus geteilt haben, darunter auch jüdische Emigranten in die USA.
Durch diese Kontakte ermutigt, bewirbt sich Gisela Erler als 16-Jährige um einen Schüleraufenthalt in den USA. Der Vater ihrer Gastfamilie ist Vizepräsident einer Werbeagentur. In den USA begegnet sie einer völlig anderen Haltung zu Staat, Wirtschaft und Eigenverantwortung. Fortan ist ihr Leben geprägt von diesen beiden scheinbar gegensätzlichen Grunderfahrungen: Wie lassen sich Themen der Gerechtigkeit intelligent mit Strategien des wirtschaftlichen Erfolgs verbinden?
Als Studentin wendet sich Gisela Erler neben ihrem Studium den Inhalten der Studentenbewegung und später der Frauenbewegung zu. Geprägt durch ihre US-Erfahrung geht sie die Themen jedoch durchaus praktisch an - durch die Gründung zweier erfolgreicher Verlagshäuser (Trikont Verlag und Frauenoffensive) nimmt sie Einfluss auf die Diskussionen von Studenten- und Frauenbewegung.
Nach Abschluss ihres Studiums will sie die Erkenntnisse ihres Studiums der Sozialwissenschaft in praktische Veränderungsprozesse einbringen. Im Deutschen Jugendinstitut München wird sie 1974 als wissenschaftliche Referentin eingestellt. Dort bildet sich das Grundthema ihrer späteren beruflichen Entwicklung heraus: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer - mit der Frage, wie Betriebe, Gemeinden, der Staat und die Familie selbst diese Frage besser lösen können.
Das Modellprojekt Tagesmütter bildet den heiß umstrittenen Auftakt ihrer Tätigkeiten - in den 70er Jahren stößt dieser Versuch, Kinder unter drei Jahren außer Haus betreuen zu lassen, auf großen Widerstand im Parteisensystem und in der Gesellschaft.
Bei einem Forschungsaufenthalt in den frühen 80er Jahren in den USA sammelt sie erste Erfahrungen, wie US-Betriebe erwerbstätige Eltern aktiv unterstützen, welche neuen und attraktiven Betreuungsmodelle für Kinder in Zusammenarbeit mit Firmen entwickelt wurden.
Der Gedanke, gesellschaftliche Aufgaben auch in Europa stärker in einer neuen Partnerschaft zwischen Wirtschaft, Staat und Betroffenen zu lösen, gewinnt Konturen.
1992 entwickelt Gisela Erler die Idee für das "Kinderbüro": Einen Beratungs- und Vermittlungsdienst für Tagesmütter, Kinderfrauen, Au-Pair Mädchen und Kindergartenplätze in München und Umgebung. BMW finanziert eine Pilotphase für seine Mitarbeiter. Als sich abzeichnet, dass das Pilotprojekt erfolgreich verläuft, entschließt sich Gisela Erler, damals 45 Jahre alt, zum Schritt in die Selbständigkeit durch Gründung einer Personenfirma.
Das "Kinderbüro" entpuppt sich als voller Erfolg. Andere Firmen in München schließen sich an: Sparkasse, Vereinsbank, Hypo-Bank, Deutsche Lufthansa. Auf Wunsch von Banken an anderen Orten und der Lufthansa entschließt sich Gisela Erler, Filialbetriebe dort zu eröffnen, wo es gelingt, genügend Firmen für eine Beteiligung an solchen Standorten zu finden. Ihre Firma ist zu klein, um Filialen vorzufinanzieren. Erst wenn die Finanzierung durch Kunden vertraglich gesichert ist, werden Büros angemietet und Mitarbeiterinnen ausgesucht. Dies macht die Firmenkunden zu aktiven Partnern bei der Entwicklung des Unternehmens. 1994 nimmt die neue dezentrale Firma Gestalt an. Die Filialen werden als Profit Center mit hoher Autonomie geführt.
Auch thematisch ergibt sich eine Ergänzung: Es zeigt sich, dass neben dem Thema Kinderbetreuung auch das Thema "Eldercare", die Unterstützung von Mitarbeitern mit pflegebedürften Angehörigen, eine wachsende Rolle spielt. Die Zeichen einer alternden Gesellschaft und der Auswirkungen dieses Trends beginnen sich in den Firmen zu zeigen. Die Firma wird in "Familienservice" umbenannt und öffnet sich dadurch für weitere inhaltliche Angebote.
Der Kundenstamm des Familienservice gleicht immer mehr einem "Who is Who" der deutschen Wirtschaft: Banken, Chemiebetriebe, Unternehmensberater, Autohersteller, Rechtsanwaltskanzleien. Gemeinsam haben alle diese Firmen, dass sie hochqualifizierte Frauen beschäftigen und zunehmend erkennen, dass sich ein Verlust oder das sehr langfristige Ausscheiden dieser Frauen negativ auswirkt. Auch Väter äußern zunehmend ihre Wünsche nach mehr Unterstützung für ihre Familien.
Auf einer USA-Reise erlebt Erler 1997, dass große Firmen ihren Mitarbeitern routinemäßig externe "Employees-Assistance Programme" anbieten, die Themen wie Partnerkonflikte, Budget- und Schuldenberatung, Rechtsberatung bis hin zur Unterstützung bei der günstigsten Finanzierung von Wohneigentum übernehmen. Erler führt Teile daraus in Deutschland ein und sichert ihrer Firma den Vorsprung vor lokalen Anbietern mit engerer Angebotspalette.
Gemeinsam mit der Commerzbank in Frankfurt wird eine erste sogenannte "Back-Up"-Einrichtung eröffnet. Sie steht Kindern offen, wenn die normale Betreuungslösung nicht funktioniert, bei Krankheit der Mutter oder Tagesmutter, Schließung oder Ferien des Kindergartens.
In ihren Büchern "Frauenzimmer - für eine Politik des Unterschieds" und ihrem viel diskutierten "Müttermanifest" von 1987 bezieht sie Positionen, die die Wirtschaft und die Familien zu mehr Innovationen und Offenheit gegenüber Müttern ermuntert - wendet sich jedoch entschieden gegen die Konzeption des Geschlechterkampfs. Vielmehr wird hier von ihr bereits der Grundansatz des heutigen "Diversity"-Konzepts der Wirtschaft vertreten: Menschen nach ihren individuellen Stärken und Bedürfnissen zu fördern und gerade dadurch wirtschaftlichen Erfolg und Lebenszufriedenheit zu ermöglichen.
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