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Gisela Anna Erler erhält Elisabeth-Selbert-Preis 2005
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Der Weg ist nicht das Ziel - aber was ist das Ziel?
Redebeitrag Gisela Erler anlässlich der Verleihung des Elisabeth-Selbert-Preises in Kassel
am 19.03.2006
Sehr geehrte Frau Lautenschläger, verehrte Gäste, liebe Freunde, liebe Familie
Natürlich ist es eine große Ehre für mich, diesen Preis zu bekommen - und ich bedanke mich sehr. Da ich von preussisch-sozialdemokratischen Eltern erzogen wurde, ist es mir keineswegs eine Selbstverständlichkeit, einmal als Person im Mittelpunkt zu stehen - es ist mir sogar ein wenig peinlich. Doch meine gemischten Gefühle haben auch andere Ursachen.
Zur Zeit der Studentenbewegung stand für mich das Thema Diversity im Sinne der Integration von Migranten auf der Tagesordnung und bescherte mir manch kalten Morgen beim Verteilen griechischer und türkischer Flugblätter. Heute weiß ich, dass sowohl die Geschlechter- wie auch die Migrantenfrage Teil unseres wohl wichtigsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zukunftsproblems sind, nämlich: Wie lassen sich die Potentiale unterschiedlicher Menschen fördern und nutzen und wie verknüpfen wir sie zu einem zukunftsfähigen Ganzen? Es ist mit der Gesellschaft wie mit der Forstwirtschaft: Der Wald als Monokultur ist nicht zukunftsfähig. Ein Mischwald aber verlangt gezielte Förderung des Ganzen und Kenntnis der notwendigen Bedingungen für den einzelnen Baum, damit er wachsen und schließlich Ernte bringen kann.
Elisabeth Selbert verdanken wir die Verankerung des Gedankens der Gleichberechtigung der Geschlechter im Grundgesetz. Nach anderen Quellen hat auch die amerikanische Besatzungsmacht eine Rolle dabei gespielt, deren Verdienste heute mindestens so gern vergessen werden wie die einer weiblichen Aktivistin. Ohne diese Einflüsse wäre vieles nicht erfolgt oder um Jahrzehnte später. Vieles ist erreicht. Die Leiterin der Kölner Dombauhütte ist eine Frau, im Fernsehen haben die Moderatorinnen anscheinend die Macht übernommen. Manche Betriebe bieten heute ihren Mitarbeitern weit mehr an Unterstützung an als vor 20 Jahren überhaupt vorstellbar gewesen wäre! Einige unserer hier vertretenen Gäste haben dies selbst aktiv vorangetrieben und verdienen dafür Dank und Respekt!
Jedoch: Wir wissen, dass die Bewegung hin zur Geschlechterparität an vielen Stellen stockt, hakt, klemmt - je höher, desto mehr. Immer neue Statistiken weisen darauf hin, bis zur Langeweile. Die mangelnde Geschlechter-Diversity und kulturelle Vielfalt im Topmanagement führt inzwischen laut einer neuen Gallup-Sudie zu messbar weniger Dynamik und Innovation in unserer Wirtschaft; sie ist sehr wahrscheinlich mit ursächlich für einige geradezu groteske Dinosaurierstrategien in deutschen Volkskonzernen.
Wie aber kommen wir weiter? Mehr Frauen zu mehr Ehrgeiz motivieren? Zum Studium der Technik? Mehr Kinderbetreuung? Eine Prise Elterngeld für Väter? Und fertig ist die schöne gleichberechtigte Zukunft? All das oder ähnliches ist sicher notwendig. Ohne einen neuen Politikcocktail in dieser Richtung wird die sinkende Geburtenrate die Zukunftsprobleme der Deutschen dadurch lösen, dass eines Tages im 23. Jahrhundert die Letzte im Land das Licht ausmacht. Es braucht aber gleichzeitig das, was viele heute einklagen, nämlich eine neue Werteorientierung. Den Kern der Sorge macht das Gefühl aus, dass die Menschen keine Zeit für das Wesentliche haben, dass sie zu sehr auf materielle Objekte und zu wenig auf Beziehung und Verantwortung orientiert sind, dass sie kulturell und spirituell mitten im Überfluss verhungern. Natürlich wissen wir alle, dass das tatsächlich teilweise zutrifft, allerdings nie bei uns selbst, immer bei den anderen. Manche wollen diese Wunden heilen, indem sie die alte Familienordnung wieder herstellen. Das ist vollständig irreal. In Schweden wurde das Modell dahingehend abgewandelt, dass Männer in der Privatwirtschaft tätig sind und Frauen im sanfteren öffentlichen Dienst. Im untergegangen Sozialismus war es ähnlich. In Frankreich gibt es viele Kinder, aber sehr wenige Frauen im Top-Management, wie dies auch in der DDR der Fall war. Alle Versuche, Frauen einfach voll in das Bestehende zu integrieren, ohne die Funktionsweisen zu verändern, enden also an einer Art Gummiwand. Es geht zentral darum, dass für beruflichen Erfolg nicht länger zeitlicher Höchsteinsatz zu jeder Zeit die zwingende Voraussetzung sein darf. Um faire Produktivitätsmessung und maßgeschneiderte Arbeitsmöglichkeiten für Männer und Frauen, aber auch für Ältere und Jüngere. Davon sind wir immer noch Lichtjahre entfernt. Die Härte der Globalisierung verführt viele dazu, weiter mit den alten Normen zu messen - doch wird es dadurch nicht richtiger. Gerade wacht das Land auf und erkennt, dass nicht nur gut gebildete "karrieresüchtige" Frauen immer seltener Kinder haben, sondern auch die Hälfte aller akademisch gebildeten Männer. Die Demographie ist in der Tat eine Art Fieberkurve für das Ausmaß an Unstimmigkeiten. An manchen Tagen sehe ich schwarz, sehe unsere reichen Gesellschaften insgesamt auf einem echten Holzweg. Dann wiederum beobachte ich das Tasten vieler jüngerer Menschen, vieler junger Väter, die Mut zeigen und neue Familienformen energisch ausprobieren - so wie mein Stiefsohn Daniel Dettling und mein Sohn Daniel Erler mit ihren jungen Familien. Ich sehe auch viel versprechende Modelle in einigen wenigen Betrieben und schöpfe wieder Hoffnung. Die Heftigkeit der familienpolitischen Debatte dieser Tage könnte auch Anlass zur Hoffnung geben, wäre sie nicht zugleich von so viel Blockade geprägt. Ich weiß nicht, wie es ausgeht, aber ich werde mich weiter anstrengen. Gleichheit ist ein großes Wort. Fairness, Entwicklungsmöglichkeiten und das Gefühl eines gelingenden Lebens für möglichst viele wären schon ziemlich gut. Vielen Dank fürs Zuhören!
Pressemeldung des Hessischen Sozialministeriums - Wiesbaden, 20.09.2005:
Lautenschläger: „Anerkennung für frauenpolitische Vordenkerin“
Sonderpreis „60 Jahre Hessen“ für die Historikerin Dr. Elke Schüller aus Frankfurt
Der Elisabeth-Selbert-Preis des Landes Hessen 2005, der in diesem Jahr erstmals bundesweit ausgeschrieben worden und mit 10.000 Euro dotiert ist, geht an die Autorin, Unternehmerin und Sozialwissenschaftlerin Gisela Anna Erler aus Berlin. Diese Entscheidung der Jury gab die Hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger heute in Wiesbaden bekannt. „Gisela Anna Erler hat als frauenpolitische Vordenkerin und Praktikerin die Chancengleichheit in Deutschland entscheidend vorangebracht“, erklärte sie. Die Qualität ihres zukunftsorientierten Lebenswerkes und die Nachhaltigkeit ihrer kreativen Problemlösungen für eine gleichberechtigte Teilhabe am Berufs- und Familienleben für Frauen und Männer hätten die Jury überzeugt. Den Elisabeth-Selbert-Sonderpreis anlässlich des 60jährigen Bestehens des Landes Hessen in Höhe von 2.500 Euro erhält die Historikerin Dr. Elke Schüller aus Frankfurt.
Der Elisabeth-Selbert-Preis trägt den Namen der hessischen Juristin, die 1949 die Verankerung des Artikels 3 Absatz 2 „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ gegen viele Widerstände erfolgreich durchsetzte. „Die besondere Bedeutung von Elisabeth Selbert für Hessen liegt neben ihren Verdiensten am Grundgesetz auch in ihrer prägenden Mitwirkung für die Hessische Verfassung noch vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland“, betonte die Ministerin. Mit dem Preis werden Frauen und Männer ausgezeichnet, die in hervorragender Weise mit ihren Leistungen für die Gesellschaft zur Verwirklichung von Chancengleichheit und Gleichberechtigung beigetragen haben. Diese Leistungen können in der alltäglichen Praxis, durch eine Einzelarbeit, durch besonderes Engagement, durch berufliche Kompetenz oder durch ihre nachhaltige Wirkung auf die Gesellschaft zum Ausdruck gekommen sein.
Gisela Anna Erler erhält nach den Worten der Ministerin die Auszeichnung für die in Deutschland einzigartige Kombination von frauenpolitischem Engagement, wissenschaftlichem Know-how und unternehmerischem Elan. „Frau Erler verbindet die hierzulande üblicherweise getrennten Bereiche des gesellschaftlichen Engagements, der Wissenschaft und des Unternehmertums unter dem Blickwinkel von Gleichberechtigung. Ihre Leistung besteht darin, dass sie als Vordenkerin den Mut hatte, das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie schon zu einer Zeit provokativ in die öffentliche Debatte zu bringen, als es noch verpönt war, über die privaten unterschiedlichen Voraussetzungen von Chancengleichheit bei Frauen und Männern zu sprechen.“
Gisela Anna Erler habe ihre Erkenntnisse pragmatisch in die Tat umgesetzt. Sie war Gründerin von Mütterzentren und initiierte das „Familien-Audit“ für Unternehmen und Verwaltungen. Frau Erler erarbeite praktische Lösungsansätze für die Erfordernisse und Bedürfnisse der Frauen und realisiere diese mit dem von ihr gegründeten, bundesweit tätigen Unternehmen pme Familienservice GmbH. Hierzu gehörten passgenaue Service- und Unterstützungs-Angebote für Unternehmen sowie für deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um eine bessere Balance zwischen beruflichem und privatem Leben ermöglichen zu können. „Ihr zentrales Anliegen ist die Herstellung von Partnerschaft zwischen Gesellschaft und Unternehmen, damit Gleichberechtigung in jeder Form gelingt. Dieses beharrliche Engagement drückt sich nicht zuletzt darin aus, dass sie nunmehr als Programmdirektorin auf europäischer Ebene in einem Council von 30 multinationalen Firmen für die Strategiebildung zum Thema Work-Life-Balance und Diversity zuständig ist“, führte Silke Lautenschläger aus.
Politik von Frauen dokumentiert
Dr. Elke Schüller erhält den Elisabeth-Selbert-Sonderpreis, der aus Anlass des Jubiläums „60 Jahre Hessen“ vergeben wird, für ihre Dissertation „Frau sein heißt politisch sein. Wege der Politik von Frauen in der Nachkriegszeit am Beispiel Frankfurt am Main (1945-1956)“. Diese Arbeit beleuchtet das frauenpolitische Engagement von Politikerinnen in der Nachkriegszeit, die parteiübergreifende Bündnisse zur Durchsetzung demokratischer Standards schlossen. „Dr. Schüller ist es gelungen, mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit dem vorherrschenden Bild von Frauen als tapfere ‚Trümmerfrauen’ in der Nachkriegszeit die wichtige Facette politisch klug handelnder Frauen hinzuzufügen“, so die Ministerin. Darüber hinaus wird die Wissenschaftlerin für ihr jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement gegen das Vergessen frauenpolitischer Aktivitäten in der Nachkriegszeit geehrt. Sie hat großen Anteil daran, dass bedeutende Nachlässe hessischer Frauen archivarisch gesichert werden konnten.
Insgesamt würdigte die Jury die hohe Qualität der eingereichten Arbeiten und begrüßte die in diesem Jahr geänderte Zielsetzung des Preises, der seit 1983 vergeben wird. „Der Elisabeth-Selbert-Preis wurde in einer Zeit gestiftet, in der Frauenthemen lebhaft diskutiert wurden und das Interesse an weiblichen Vorbildern zunehmend wuchs. Seither ist das Bewusstsein über die Notwendigkeit eines partnerschaftlichen Verhältnisses zwischen Männern und Frauen gewachsen und die Gesellschaft hat sich durch das Engagement und die Kompetenz vieler Frauen verändert“, erläuterte die Ministerin. Die Zweckbestimmung des Preises wurde daher dieser gesellschaftlichen Entwicklung angepasst. So wurde mit der Preisverleihung 2005 erstmals die Begrenzung auf eine einzelne wissenschaftliche und journalistische Arbeit aufgegeben und das Kriterium der nachhaltigen Wirkung eines gesellschaftlichen Engagements für Chancengleichheit und Gleichberechtigung aufgenommen. Der Preis wird entsprechend der überregionalen Bedeutung Elisabeth Selberts nun bundesweit ausgeschrieben und alle zwei Jahre vergeben. Die diesjährigen Preisträgerinnen werden im Herbst 2005 in Kassel auf Schloss Wilhelmshöhe durch die Hessische Sozialministerin ausgezeichnet.
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